Dreamtime - Traumzeit

Eine Liebeserklärung an Australien

  

Wooratonga hatte es wieder mal geschafft. Wochenende. Die Arbeitsklamotten in die Ecke und ab ins schöpferische Vergnügen – das war das Motto an diesem Freitag wie an jedem anderen. Ah, die Mails von Mantequi und Doonadong waren da – sie warteten nur auf ihre Meldung. Die war kurz und knapp – wie an jedem Freitag: „It’s Dreamtime“. Und  ab ging es in die Traumfabrik. Wooratonga war die Erste und durfte deshalb diesmal das Thema ausgeben. „Ich bin für Zivilisation“, sagt sie forsch, wohl wissend, wie diese unwahrscheinlich vielschichtige Traumaufgabe das letzte Mal daneben gegangen war. Aber Herausforderungen waren schließlich dazu da, gemeistert zu werden, und so begab sie sich mit ihren Freunden in die Traumkabinen. Die Sensoren waren kaum aufgesetzt, da begann sie schon, die Traumzeit.

Eine große Masse formte sich aus dem Nebel von Wooratongas Gedanken. Versehen mit Zacken und Rundungen, mit hohen Erhebungen, sanften Wölbungen. „Rrrums“ knallte ein großer Block mitten in Wooratongas Traumlandschaft. Typisch Mantequi, der konnte einfach nicht filigran arbeiten. Immer groß und protzig – das war sein Erkennungszeichen. Zum Glück hatte Doonadong, wie schon so oft, die rettende Idee und ließ rund um den Block eine Landschaft von atemberaubender Kargheit entstehen. Er war wirklich ein Meister darin, mit wenig Material wahre Kunstwerke zu träumen. „Aber zurück zur Aufgabe“, rief Wooratonga ihre abschweifenden Gedanken zur Ordnung. Ein Ausgleich musste her, und was war ein besserer Ausgleich für eine karge Landschaft als eine von Leben nur so überquellende. In Windeseile entstanden riesige Flächen voll mit einer fast unfassbaren Fülle an Blumen und Pflanzen, wie sie kaum jemand vorher gesehen hatte. Das war Wooratongas Stärke – Leben zu schaffen. Jetzt, wo sie einmal in ihrem Element war, sprudelten die Traumbilder nur so aus ihr heraus. Wälder mit Bäumen, so hoch, dass sie an den Wolken kratzen, wuchsen aus dem Nichts. Wasserläufe, klarer als die klarsten Seen ihrer bisherigen Träume, durchschnitten die endlos erscheinenden Bergketten. Dort, wo sich Mantequi noch einmal kurzzeitig in Wooratongas Schaffensdrang einmischen konnte, fiel das Wasser plötzlich über schroffe Felskanten hinweg, um wenig später in Millionen von in allen Regenbogenfarben schillernden Tropfen zu zerspringen. Um die sich langsam formende große Masse herum bildete sich eine in allen Variationen von Blau schimmernde Fläche, in die sich die von den unzähligen Bächen gespeisten Flüsse ergossen.

Wow, was für eine Pracht! Wooratonga war völlig von den Socken. So etwas Schönes war ihr noch nie gelungen! Jetzt gab es kein Halten mehr. Die Freunde hatten keine Chance, sich den Traumgebilden der jungen Dame zu erwehren, sie konnten nur noch staunend zusehen, wie sie mit der Kraft ihrer Gedanken eine Welt formte, die es wert war, paradiesisch genannt zu werden. Die höchsten Bergspitzen versah sie mit weißen Kappen, die Ränder der Masse abwechselnd mit gewaltigen, der Ewigkeit trotzenden Felsformationen und mit Sand, der so weich und so fein war, dass Form und Farbe in jedem Moment andere zu sein schienen. Weiter und weiter sprudelte ihre Fantasie, brachte unzählige große und kleine Wunder hervor. Dann war es vollbracht – jeder Fleck auf der großen Masse hatte seine Bestimmung. „Aber irgend etwas fehlt noch, oder?“ In dem Moment, in dem sich die Frage in Wooratongas Kopf gestohlen hatte, stand auch schon die Antwort dort geschrieben: Lebewesen! Klein und groß, einfarbig und bunt, kriechend, laufend und fliegend, still und vor lauter Lebenslust nur so lärmend – die Vielfalt ihrer Gedanken warf selbst Wooratonga fast um. Freilich, die eine oder andere ihrer Schöpfungen hatten andere vor ihr auch schon geträumt. Die Variationen täuschten nicht darüber hinweg, dass es sich dabei doch mehr oder weniger um Kopien der aus zahlreichen Traumshows bekannten Kreaturen handelte.

Aber dann übertraf sich Wooratonga selbst. Nicht nur, dass sie eine völlig neue und nur in ihrem Traumreich existente Spezies schuf. Nein! Weil es nicht genug war, einfach ein Land zu träumen und es so wirklich werden zu lassen, sondern weil es auch jemandes bedurfte, der dieses Traumreich behütet, setzte Wooratonga – quasi als Krönung – etwas ganz Neues in ihre Welt. Hüter nannte sie die Wesen, welche durchaus in ihrem Äußeren Schöpfungen ähnelten, die es auch in anderen Träumen gab. In ihrem Inneren aber hatten sie ein ganz anderes Verständnis ihrer Aufgabe als alle Kreaturen vor diesem Tag. Sie waren nicht nur in der Lage, den Traum und dessen Ergebnis als solchen zu begreifen, sie waren sogar in der Lage, den Traum zu schützen und zu entwickeln. Sie wurden geschaffen, um zu verstehen, was ihre Welt zusammen hält. Sie waren fähig, alles um sich herum als Teil von sich selbst zu betrachten. Und sie hatten die einmalige Gabe, im Einklang aller Elemente und Lebewesen um sich herum aus eigener Kraft schöpferisch tätig zu werden, selber zu träumen. Diese Eigenschaften und die Fähigkeit, ihre Erfahrungen, ihre Empfindungen an andere weiter zu geben, machte sie zu einem bis dahin noch nie dagewesenen Traumbestandteil. Sie waren die ersten Geschöpfe, die sich selbst einen anderen Namen gaben als den, den ihr Schöpfer ihnen gegeben hatte. Und sie benutzten sogleich die Kraft, die ihnen zuteil wurde. Sie nannten sich Aborigines – ein Wort von solchem Wohlklang, von solcher Vollkommenheit, dass Wooratonga vor Staunen erstarrte. In dem Moment, als ihr dies klar wurde, in dem Moment, in dem sie und ihre Freunde begriffen, welches Wunderwerk sie hier geschaffen hatte, in diesem Moment zog sich das junge Mädchen, das einen einmaligen Traum hatte Wirklichkeit werden lassen, zurück. Staunend, ehrfürchtig vor der eigenen Schöpfungskraft und zugleich stolz, eine so unvergleichliche Welt geschaffen zu haben.

 

Im Traumreich vergeht die Zeit viel schneller als im Lande Wooratongas. Dennoch – 60000 Jahre und damit viele, viele Generationen von Aborigines später ist auch sie längst kein junges Mädchen mehr, sondern eine alte Frau. Sie hat in ihren jungen Jahren noch vielen Träumen – wenn auch nie wieder einem so vollendeten – das Leben geschenkt. Oft hat sie ihren Kindern und Enkeln von ihrer Welt erzählt. Von ihren Landschaften, aber vor allem von ihren Bewohnern. Aber als sie nun nach langer Zeit wieder einmal einen Blick in ihr Traumreich wirft, erschrickt Wooratonga. Von ihren Hütern, den Aborigines, gibt es nur noch wenige. Statt dessen haben sich Geschöpfe aus anderen Träumen in ihrem Paradies niedergelassen. Viele von ihnen befinden sich durchaus im Einklang mit ihren Idealen, andere wiederum sind dabei, ihre Welt zu zerstören. Und so begibt sie sich ein letztes Mal in die Traumfabrik und träumt einen Traum, dessen Inhalt jeder verstehen kann, der sich seine Fantasie bewahrt hat: „Erhaltet dieses Paradies, erhaltet die Weisheit seiner Hüter. Lebt in Einklang mit einer Welt, die ich schöner nicht schaffen konnte und sorgt dafür, dass hier auch in Zukunft Träume wahr werden können.“

 

Diese kleine Geschichte ist mein Geschenk für all jene, die mir Einblicke in ein Land ermöglich haben, dass ich mir schöner nicht in meinen Träumen hätte vorstellen können. Besonders danke ich Liz, Reinhard, Kristin und Mick für die herzliche Aufnahme.

Thomas Becker, Melbourne, 24. Oktober 2001

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